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Klaus Dienert:
Einzig in seiner Art, besonders wertvoll

Rezension vom 24. September 2018 auf Amazon

Mit kühlem Verstand hat Peter Lehmann als Nichtarzt den Hauptteil des Buches verfasst. Darin beschreibt er die von Pharmaherstellern gegenüber Ärzten gemeldeten Risiken und Schäden moderner Antidepressiva und Neuroleptika, so klar, so übersichtlich und so verständlich, wie es nirgendwo sonst zu lesen ist. Mit seinen drei Mitautoren, allesamt Koryphäen in ihrem Bereich, und den im Vorwort genannten Beratern hat er eine stattliche Anzahl kompetenter Ärzte im Hintergrund, die die wissenschaftliche Korrektheit seiner Aussagen garantieren. Komplexe medizinische Zusammenhänge auch für Nichtmediziner verstehbar erklären zu können, ist zweifellos ein großes Verdienst von Peter Lehmann.

In keinem anderen Werk der kritischen oder sich kritisch gebenden Literatur werden auch die Warnzeichen systematisch dargestellt, mit denen sich durch Psychopharmaka verursachte Schäden wie Diabetes, Herzrhythmusstörungen, Schlaganfälle, Leber- oder Nierenerkrankungen, Augen- oder Muskelschäden frühzeitig ankündigen. Wenn solche Warnzeichen, die vielleicht einige Ärzte kennen, nicht aber die Patienten, richtig gedeutet und beachtet werden, kann das Leben retten. Auch dass Peter Lehmann das Risiko der körperlichen Abhängigkeit deutlich macht, das die mittel- und langfristige Verabreichung von Neuroleptika und Antidepressiva in sich birgt und das andernorts, auch in der Reformpsychiatrie, komplett ignoriert wird, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ganz wichtig finde ich auch Peter Lehmanns Ausführungen zur Wiederkehr des Elektroschocks. Ich weiß von keinem anderen Buch, das dessen Gefahren so konzentriert, so aussagekräftig und so einleuchtend darstellt.

Dr. med. Marc Rufer nimmt die in der Medizin allgegenwärtigen Placebo-Effekte aufs Korn, welche bekanntlich die Selbstheilungskräfte des Patienten mobilisieren. Sie sind untrennbar mit der Wirkung von Medikamenten verbunden, was natürlich die entsprechenden Pharmastudien in Frage stellt. Rufer kommt zu dem Schluss: "Es gibt keinen ernstzunehmenden Hinweis dafür, dass irgendein Psychopharmakon eine bessere therapeutische Wirkung hat als Placebos."

Dr. med. Josef Zehentbauer wendet sich an den selbstverantwortlichen Patienten sowie den verantwortungsvollen Kollegen und zeigt ihnen alternative Wege jenseits der Schulmedizin auf: altbewährte Medikamente, die ohne gravierende Nebenwirkungen seelische Beschwerden lindern können, wie auch nicht-medikamentöse Methoden bis hin zu den wichtigen Möglichkeiten der Selbsthilfe im Familien- und Freundeskreis.

Dr. med. Volkmar Aderhold plädiert ausdrücklich dafür, Neuroleptika, wenn eine Verordnung für notwendig gehalten wird, in jedem Falle minimal zu dosieren, auch während der Akutbehandlung. Und er fordert sorgfältige Kontrolluntersuchungen zu Beginn und begleitend über den Zeitraum der Einnahme hinweg, um das Risiko von unerwünschten Wirkungen im Blick zu haben und entsprechend reagieren zu können. Auch das schwerwiegende Thema der "Polypharmazie", d. h. der gleichzeitigen Verordnung mehrerer Antipsychotika, bringt er gebührend zur Sprache.

Das Schlusskapitel behandelt – praktisch als Konsequenz – das Absetzen von Psychopharmaka. Gemeinsam ist es den vier Autoren gelungen, auf wenigen Seiten die wichtigsten Aspekte einer verantwortlichen Vorgehensweise zusammenzufassen. Wer ausführliche Informationen sucht, sei auf den Klassiker "Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern" verwiesen, dessen Erstauflage Peter Lehmann bereits 1998 als weltweit erstes Buch zu diesem Thema herausgegeben hat.

"Neue Antidepressiva, atypische Neuroleptika" ist nun ein weiterer Meilenstein in seinem über drei Jahrzehnte währenden Schaffen, das Peter Lehmann mit seinen Weggefährten so einzigartig macht. Aus meiner Sicht sollte der Einsatzbereich dieses wertvollen Buches weit über die Psychiatrie-Szene hinausgehen, z. B. in Richtung Allgemeinmedizin bis hin zur Altenpflege. Wie bedenkenlos werden dort – noch zusätzlich zu anderen Medikamenten – oft Antidepressiva oder Neuroleptika verabreicht, um die Stimmung "aufzuhellen", Alltagsbelastungen aushaltbar zu machen, Leistungen zu verbessern, Fehlverhalten zu dämpfen oder Patienten ruhig zu stellen, damit sie pflegeleichter werden.

Da die Psychopharmaka in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit unterschiedlichen Markennamen verkauft werden, ist das Register am Ende des Buches mit den alphabetisch geordneten Markennamen, den dazugehörenden Wirkstoffen und den betreffenden Seitenzahlen ausgesprochen hilfreich, um die gewünschten Informationen im Text leicht zu finden. Dieses Buch gehört in die Hände eines jeden Arztes, der es mit seiner Verantwortung ernst nimmt, ob Internist, Allgemeinmediziner oder Hausarzt, um sich mit diesem brisanten Thema vertraut zu machen. Ebenso in jede Institution der Altenpflege, insbesondere auch in jede Einrichtung der Pflege Demenzkranker, sei sie stationär oder ambulant. Nicht zuletzt gehört dieses Buch in die Hände eines jeden mündigen Patienten, der seinem Arzt auf Augenhöhe begegnen will, sowie in jede gesundheitsbewusste Familie. Für knapp 20 Euro eine Investition in die Gesundheitsvorsorge, die sich mehr als bezahlt macht, ja eigentlich unbezahlbar ist.

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